Barhuf vs. Beschlag: Was ist besser fürs Pferd?

Kaum eine Frage spaltet die Reiterwelt so sehr wie diese: Soll mein Pferd mit oder ohne Eisen laufen? Die einen schwören auf den traditionellen Hufbeschlag, die anderen predigen Barhuf als einzig wahre Lösung. Und du stehst mittendrin und fragst dich: Was stimmt denn nun?

Die gute (oder auch schlechte) Nachricht ist: Es gibt keine pauschale Antwort – aber es gibt fundierte Argumente für beide Seiten. Und genau die schauen wir uns jetzt gemeinsam an. Ohne Dogma, ohne erhobenen Zeigefinger, aber dafür mit einer ordentlichen Portion Pferdeverstand.

Der Pferdehuf – Ein kleines Wunderwerk der Natur

Bevor wir uns in die Eisen-Diskussion stürzen, sollten wir kurz innehalten und würdigen, was da eigentlich unter unserem Pferd werkelt. Der Pferdehuf ist nämlich nicht einfach nur eine "harte Schale" – er ist ein biomechanisches Meisterwerk, das selbst moderne Ingenieure zum Staunen bringt.

Stell dir den Huf wie ein perfekt konstruiertes Hochhaus vor: Außen die stabile Hornkapsel (die Hufwand), die wie ein Schutzmantel alles zusammenhält. Innen drin ein komplexes System aus Knochen, Sehnen, Bändern und jeder Menge Blutgefäßen. Der Strahl – dieses gummiartige V am Boden des Hufs – ist dabei der heimliche Star: Er dient als Stoßdämpfer und Sensor zugleich.

Die weiße Linie (die übrigens nicht immer weiß ist, aber den Namen trotzdem behalten darf) verbindet Hufwand mit Hufsohle. Und genau diese Verbindung ist extrem wichtig, denn hier zeigt sich oft als erstes, ob mit dem Huf etwas nicht stimmt.

Die vier zusätzlichen Herzen 

Jetzt wird's richtig spannend: Denn dein Pferd hat nicht nur ein Herz, sondern quasi fünf! Die vier Hufe arbeiten nämlich als Hilfspumpen, die das Blut aus den Beinen zurück zum Herzen befördern. Wie das funktioniert?

Bei jedem Schritt weitet sich der Huf beim Aufsetzen minimal (wir reden hier von wenigen Millimetern, aber die haben's in sich!). Diese Bewegung presst wie eine Pumpe das Blut durch die Gefäße. Gleichzeitig federt der Huf den Aufprall ab – ein natürlicher Stoßdämpfer, der jeden noch so teuren Laufschuh in den Schatten stellt.

Gut zu wissen!

Ein durchschnittliches Reitpferd macht etwa 5.000 bis 10.000 Schritte pro Tag. Das sind 5.000 bis 10.000 Pumpvorgänge – pro Huf! Kein Wunder, dass Bewegung für die Durchblutung so wichtig ist.

Hufeisen – Vom Keltenschmied zum modernen Hufschutz

Hufeisen sind keine moderne Erfindung – im Gegenteil! Schon die alten Römer haben mit Vorläufern experimentiert, aber so richtig durchgesetzt haben sich die genagelten Hufeisen erst im Mittelalter bei den Kelten und Germanen.

Die Notwendigkeit war simpel: Pferde wurden zunehmend als Arbeits- und Kriegstiere eingesetzt. Gepflasterte römische Straßen, lange Märsche, schwere Lasten – das alles nutzte die Hufe deutlich schneller ab, als sie nachwachsen konnten. Die Lösung: Ein Metallschutz, der aufgenagelt wird.

Interessanterweise hat sich am Grundprinzip bis heute kaum etwas geändert. Klar, die Materialien sind besser geworden und die Hufschmiede sind heute hochqualifizierte Fachleute (und keine schweißgetränkten Kerle in rauchigen Schmieden – meistens jedenfalls). Aber das Eisen wird immer noch mit Nägeln befestigt.

Die Vorteile von Hufeisen

Seien wir ehrlich: Hufeisen sind nicht grundlos seit Jahrhunderten im Einsatz. Sie haben durchaus ihre Berechtigung:

  • Schutz vor extremen Abrieb: Wenn dein Pferd täglich auf Asphalt läuft oder im Sport stark beansprucht wird, kann ein Beschlag Sinn machen. Der Huf wächst nicht schneller, nur weil wir mehr von ihm verlangen.
  • Orthopädische Korrekturen: Bei Fehlstellungen oder bestimmten Erkrankungen kann ein spezieller Korrekturbeschlag helfen. Dein Hufschmied oder Tierarzt kann hier gezielt gegensteuern.
  • Sofortiger Schutz: Ein Pferd, das gerade von Barhuf auf Beschlag umgestellt wird, kann sofort wieder voll belastet werden. Kein wochenlanges "Einlaufen" nötig.
  • Rutschfestigkeit: Spezielle Beschläge (Stollen, Widiastifte) bieten auf rutschigem Untergrund oder im Sport zusätzlichen Halt.

Die Nachteile von Hufeisen

Aber – und jetzt kommt das große Aber – Hufeisen sind nicht ohne Kompromisse:

  • Einschränkung des Hufmechanismus: Das ist der Knackpunkt. Ein festgenageltes Eisen verhindert, dass sich der Huf beim Auffußen optimal weiten kann. Die Blutpumpe funktioniert nur noch eingeschränkt. Langfristig kann das die Durchblutung verschlechtern.
  • Regelmäßige Kosten: Alle 6-8 Wochen steht der Hufschmied an. Je nach Region und Aufwand reden wir hier von 80-150 Euro pro Termin – das summiert sich übers Jahr ganz schön.
  • Verletzungsgefahr: Ein Tritt mit Eisen tut deutlich mehr weh und lose Eisen können zu bösen Verletzungen führen, wenn sich das Pferd drauftritt.
  • Hufhorn-Qualität: Die Nagellöcher schwächen die Hufwand. Bei schlechter Hornqualität kann das problematisch werden und ein Teufelskreis beginnt.
  • Eingeschränkte Propriozeption: Das Tastempfinden über die Hufsohle ist mit Eisen deutlich reduziert. Dein Pferd "fühlt" den Boden nicht mehr so gut – das kann sich auf Balance und Trittsicherheit auswirken.

Barhuf – Zurück zur Natur

"Barhuf" klingt erst mal so, als würde man seinem Pferd einfach die Eisen abnehmen und gut ist. Spoiler: So einfach ist es nicht. Aber wenn's richtig gemacht wird, dann kann's echt gut sein!

Die Vorteile vom Barhuf

  • Voller Hufmechanismus: Der Huf kann sich frei bewegen und die Blutpumpe läuft auf Hochtouren. Eine bessere Durchblutung bedeutet zudem auch ein gesünderes Hufwachstum und eine bessere Hornqualität.
  • Natürliches Tastempfinden: Dein Pferd spürt jeden Stein und jede Unebenheit. Das schult Balance und Trittsicherheit – besonders im Gelände ist das ein echter Vorteil.
  • Keine Verletzungsgefahr durch Eisen: Kein Risiko mehr, dass sich dein Pferd mit einem Eisen selbst verletzt oder du einen Tritt mit Stahlverstärkung kassierst.
  • Langfristig günstiger: Zwar braucht auch der Barhuf eine regelmäßige Pflege durch den Hufschmied oder Hufbearbeiter, aber die Kosten liegen meist deutlich unter denen eines Beschlags.
  • Bessere Stoßdämpfung: Der natürliche Hufmechanismus federt Stöße besser ab – das schont Gelenke, Sehnen und den gesamten Bewegungsapparat.

Die Nachteile bzw. Herausforderungen vom Barhuf

Jetzt kommt die Realitätscheck-Abteilung. Denn Barhuf ist nicht automatisch die Lösung für alles:

  • Nicht sofort für jedes Pferd geeignet: Ein Pferd, das jahrelang Eisen hatte, braucht Zeit, um sich umzustellen. Die Hornqualität muss erst wieder aufgebaut werden.
  • Übergangsphase kann frustrierend sein: Dein Pferd ist möglicherweise wochenlang fühlig. Ausritte müssen reduziert oder angepasst werden oder kurzfristige Alternativen gefunden werden. Das erfordert Geduld und die hat nicht jeder.
  • Empfindlichkeit auf harten Böden: Schotter, Asphalt, steinige Wege – manche Pferde kommen damit einfach nicht klar.
  • Nicht für jeden Einsatzzweck geeignet: Hochleistungssport, regelmäßiges Springen auf hartem Boden, Distanzritte auf Schotter, etc. – Hier kann Barhuf an seine Grenzen stoßen.

Checkliste zur Entscheidungsfindung

Um dir die Entscheidung etwas zu erleichtern, was das Beste für dein Pferd sein könnte, findest du hier ein paar Fragen zur Orientierung:

  • Wie ist die aktuelle Hornqualität deines Pferdes?
  • Wie intensiv nutzt du dein Pferd? (Freizeitreiter vs. Sportreiter)
  • Auf welchen Untergründen bewegt sich dein Pferd hauptsächlich?
  • Wie ist die Haltung? (Box, Paddock, Offenstall?)
  • Stimmt die Fütterung? (Raufutter, Mineralien, keine Überfütterung?)
  • Hast du Zeit und Geduld für eine mögliche Umstellungsphase?
  • Gibt es orthopädische Gründe, die für oder gegen eine Variante sprechen?

Falls du jetzt denkst: "Okay, ich probier's mal mit Barhuf" – super! Aber bitte nicht einfach Eisen runter und hoffen, dass es gut geht. 

Als erstes solltest du dir professionelle Unterstützung holen. Ein erfahrener Hufschmied/Hufbearbeiter, kann dich hier bspw. sicher durch diese Umstellungen bringen. Denn die wissen, worauf es ankommt. Als nächstes ist deine Geduld gefragt. Die Umstellung dauert meistens zwischen 6-12 Monaten.

Zudem ist viel Bewegung Pflicht. Am besten auf verschiedenen Untergründen oder idealerweise in einem Offenstall mit ordentlich Platz zum Laufen. Für schwierige Untergründe solltest du auch immer die Hufschuhe bereithalten, sie sind während der Umstellung Gold wert.

Und zum Schluss noch die Fütterung: Achte auf gutes Raufutter, ausreichend Mineralstoffe (besonders Zink und Biotin fürs Horn, spare hier 5% mit meinem Code PFÖRD bei jedem Einkauf) und dazu eine naturnahe Fütterung ohne Zucker- und Stärkebomben

Zwischenlösungen – Das Beste aus beiden Welten?

Du musst dich nicht zwingend zwischen "komplett Eisen" oder "komplett Barhuf" entscheiden. Es gibt Zwischenwege, die für manche Pferde auch sehr gut passen:

Hufschuhe – Der temporäre Schutz

Hufschuhe sind quasi die Wanderschuhe für dein Pferd. Sie werden nur dann angezogen, wenn's nötig ist – zum Beispiel für den Ausritt auf Schotter oder im Gelände. Danach kommen sie wieder runter. Perfekt für Pferde, die im Alltag barhuf gut klarkommen, aber bei gelegentlichen Ausritten auf schwierigem Untergrund Unterstützung brauchen.

Vorteile: Flexibel einsetzbar, Hufmechanismus bleibt erhalten, keine Nägel in der Hufwand.

Nachteile: Die Passform muss stimmen (sonst scheuern sie), sie können verloren gehen, und nicht jedes Pferd mag das Gefühl.

Klebebeschlag – Modern und schonend

Statt Nägeln kommt hier Hightech-Kleber zum Einsatz. Das Eisen (oder eine Kunststoffalternative) wird auf den Huf geklebt. Klingt erstmal komisch, funktioniert aber erstaunlich gut! Ideal für Pferde mit schwachem Horn, die aber aus gesundheitlichen oder sportlichen Gründen Hufschutz brauchen.

Vorteile: Keine Nagellöcher in der Hufwand, schonender für schwaches Horn und trotzdem vollwertiger Schutz.

Nachteile: Teurer als normaler Beschlag, nicht überall verfügbar, bei sehr schlechter Hornqualität manchmal schwierig.

Gut zu wissen!

Es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit: Teilbeschlag. Manche Pferde laufen nämlich vorne barhuf super, aber hinten brauchen sie Eisen (oder umgekehrt). Auch das ist eine Option!

Fazit: Der individuelle Weg ist der beste

Der eine schwört auf Barhuf und sein Pferd läuft damit über Stock und Stein. Die andere braucht Eisen, weil ihr Sportpferd sonst nicht einsatzbereit wäre. Und wieder jemand anderes fährt mit Hufschuhen für bestimmte Ausritte am besten. Alles legitim!

Egal, wofür du dich also entscheidest: Arbeite eng mit deinem Hufpfleger, Huforthopäden, Schmied oder Tierarzt zusammen. Denn die kennen deinen individuellen Fall und können dich am besten beraten.

Und ganz wichtig: Bleib offen! Nur weil dein Pferd jetzt mit Eisen läuft, heißt das nicht, dass es in einem Jahr nicht vielleicht barhuf besser dran ist (oder umgekehrt). Pferde verändern sich, Lebensumstände verändern sich und manchmal ist es völlig okay, eine Entscheidung nochmal zu überdenken.

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