Zucker im Pferdefutter ist ein Thema, das viele Pferdebesitzer beschäftigt, aber längst nicht ernst genug genommen wird. Dabei kann zu viel des süßen Stoffes nicht nur für Hyperaktivität sorgen, sondern auch ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen. Von Hufrehe über das Equine Metabolische Syndrom (EMS) bis hin zur Insulinresistenz – die Liste der möglichen Folgen ist lang und alles andere als süß.

Was ist Zucker und woher kommt er?
Zucker ist nicht gleich Zucker – das wussten unsere Pferde schon, bevor wir Menschen angefangen haben, uns Gedanken darüber zu machen! Denn auch im Pferdefutter begegnen uns die verschiedene Zuckerarten:
Einfachzucker (Monosaccharide) wie Glukose (Traubenzucker) und Fruktose (Fruchtzucker) werden schnell ins Blut aufgenommen und sorgen für einen rasanten Energieschub. Zweifachzucker (Disaccharide) wie Saccharose (Haushaltszucker) müssen erst aufgespalten werden, wirken aber ebenfalls schnell. Mehrfachzucker wie Fruktan sind komplexer und können bei empfindlichen Pferden für ordentlich Wirbel im Verdauungstrakt sorgen.
Der Zuckergehalt in den Pflanzen ist in erster Linie von den Temperaturen, dem Pflanzenwachstum sowie den Lichtverhältnissen abhängig. Natürlicher Zucker steckt bereits in Gras und Heu – mal mehr, mal weniger, je nach Wetterlage und Tageszeit.
Zugesetzter Zucker hingegen landet bewusst im Futtersack, meist in Form von Melasse, um das Futter schmackhafter zu machen. Das ist etwa so, als würde man Kindern Gemüse mit Nutella schmackhaft machen wollen – funktioniert zwar, ist aber nicht unbedingt die gesündeste Lösung.
Die Hauptquellen im Überblick
Gras und Heu sind die größten Zuckerlieferanten in der Pferdefütterung. Bei 8% Zuckergehalt sprechen wir also von ca. 3.200 – 4.000g Zucker, die dann in 24h aufgenommen werden. Das entspricht etwa 8-10 Päckchen Haushaltszucker – pro Tag!
Fertigfutter kann versteckte Zuckerfallen enthalten: Hier verstecken sich süße Verführer hinter Bezeichnungen wie "Rohrzucker", "Dextrose" oder harmlos klingenden Namen wie "Rübensirup".
Zucker im Pferdekörper - Wirkung & Risiken
Im Pferdedarm wird Zucker unterschiedlich verwertet: Einfach- und Zweifachzucker werden bereits im Dünndarm aufgenommen und lassen den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen. Das kann bei empfindlichen Pferden zu einem regelrechten "Zuckerschock" führen. Komplexer Zucker wie Fruktan gelangt unverdaut vom Dünndarm in den Dickdarm und kann dort das empfindliche Bakteriengleichgewicht durcheinanderbringen.
Das bedeutet also im Klartext, dass zu viel Zucker sogar aus dem gemütlichsten Freizeitpferd einen kleinen Wirbelwind machen kann. Diese schnelle Energiefreisetzung führt dann oft zu:
- Hyperaktivität und Nervosität
- Konzentrationsschwierigkeiten beim Training
- Verdauungsproblemen und Kotwasser
- Gewichtszunahme trotz gleichbleibender Futtermenge
Die ernsten Gesundheitsrisiken
Hier hört der Spaß dann endgültig auf: Das Equines Metabolisches Syndrom (EMS) ist die Folge langjährigen Übergewichts beim Pferd. Das Problem dabei ist, dass kein Stoffwechsel - ähnlich wie bei uns Menschen - über Schutzmechanismen gegenüber einem zu hohen Nahrungsangebot verfügt. Eine dauerhafte Überzuckerung kann daher zu ernsten Erkrankungen führen:
- Hufrehe: Vor allem bei einer zucker- und stärkereiche Fütterung
- EMS (Equines Metabolisches Syndrom): Eine Art "Diabetes" bei Pferden
- Cushing-Syndrom: Hormonelle Störung in Kombination mit einem gestörten Darmmikrobiom, die durch Zuckerüberschuss verstärkt werden
- Insulinresistenz: Die Zellen reagieren nicht mehr richtig auf Insulin

Zuckergehalt erkennen: Worauf es beim Futtermittelkauf ankommt
Futteretiketten lesen ist manchmal wie ein Krimi – nur dass der Täter hier „Zucker“ heißt und sich ziemlich gut zu tarnen weiß. Zwar steht oft ein Rohzuckergehalt drauf, doch wer denkt, das war’s, irrt gewaltig. Denn hinter harmlosen Begriffen wie Melasse, Rübensirup oder Rohrzucker versteckt sich oft mehr Süßes, als unseren Vierbeinern guttut. Auch Namen wie Dextrose, Glukose oder Fruktose klingen zwar wissenschaftlich, sind aber letztlich nichts anderes als Zucker im Laborkittel.
Richtig spannend (oder eher erschreckend) wird’s dann beim Blick auf das Kraftfutter. Müslis und Pellets können locker zwischen 8 und 15 Prozent Zucker enthalten – das ist mehr, als viele von uns in ihrem eigenen Frühstück haben. Und Leckerlis? Die sind oft die reinste Nascherei für Pferde, mit Zuckerwerten von 20 bis 40 Prozent. Ein Apfel dagegen – mit rund 10 Prozent Zucker – wirkt da fast schon wie Diätkost. Und ja, auch vermeintlich „gesunde“ Alternativen mit Bio-Siegel oder dem Label „natürlich“ können süße Überraschungen enthalten.
Manche Hersteller sind übrigens wahre Wortakrobaten, wenn es darum geht, Zucker zu verstecken. Statt schlicht „Zucker“ steht dann plötzlich „natürliche Süße“ oder „Melasse“ auf der Packung – klingt irgendwie besser, oder? Besonders clever: Der Gesamtzuckergehalt wird auf mehrere Zutaten verteilt. So wirkt keine einzelne Zutat verdächtig süß, obwohl das Endprodukt eine wahre Kalorienbombe sein kann.
Und als wäre das alles nicht genug, müssen wir auch noch bei Heu und Weidegras aufpassen. Frisches Frühlingsgras hat nicht nur ordentlich Saft, sondern auch ordentlich Zucker – besonders zu Beginn der Vegetationszeit. Spät geerntetes Heu mit Blütenständen ist dagegen eher die Vollkornvariante fürs Pferd: mehr Rohfaser, weniger Zucker.
Zuckerarme Fütterung in der Praxis
Zuckerarm füttern klingt in der Theorie super, braucht in der Praxis aber Planung und einen wachsamem Blick.
Los geht’s mit dem Fundament jeder gesunden Pferdeernährung: Raufutter. Und zwar nicht irgendeins, sondern Heu mit Struktur, Qualität und möglichst wenig Zucker. Ideal ist Heu mit einem Zuckergehalt unter 10 %. Mehr zu diesem Thema erfährst du in meinem Artikel Raufutter für Pferde: Was jeder Pferdebesitzer über Heu wissen muss.
Auch beim Weidegang ist Timing alles. Nach kalten, frostigen Nächten mit sonnigem Tag schießt der Fruktangehalt im Gras gern mal durch die Decke. Lass deinen Vierbeiner also lieber am späten Vormittag oder bei wärmerem Wetter auf die Weide und nicht früh morgens. Vorsicht ist auch im Frühjahr geboten, wenn das Gras schnell wächst, sowie auf stark gedüngten oder frisch eingesäten Flächen – hier kann es richtig zuckrig werden.
Und dann wäre da noch das Kraftfutter – oder besser gesagt: die Frage, ob dein Pferd überhaupt welches braucht. Falls dein Pferd mehr Energie benötigt (z. B. im Sporteinsatz), achte auf zucker- und stärkearme Varianten. Eine gute Option ist reiner Hafer (in Maßen!).
Auch bei den Leckerlis lohnt sich ein zweiter Blick. Klar, die Versuchung ist groß – schließlich wollen wir unser Pferd ja auch mal verwöhnen. Aber viele Fertig-Leckerlis sind echte Zuckerbomben. Eine gesunde Alternative? Selbstgemachte Leckerlis ohne Zuckerzusatz, da weißt du genau was drin ist.
Was dein Pferd außerdem dringend braucht: Bewegung! Schon 20-30 Minuten Trab täglich können helfen, den Zuckerstoffwechsel zu stabilisieren und Übergewicht vorzubeugen.
Fazit: Bewusst füttern für ein gesundes Pferdeleben
Zucker im Pferdefutter ist nicht grundsätzlich böse – aber die Menge macht das Gift! Während Sportpferde durchaus mehr Energie benötigen, sind viele Freizeitpferde bereits mit zucker- und stärkearmer Kost bestens versorgt.
Meine Empfehlung für den Alltag? Werde zum Futter-Detektiv! Beobachte dein Pferd genau, scheue dich nicht davor auch mal “langweiliges” Futter zu füttern und vor allem: Lies die Etiketten!
Und falls du dir jetzt denkst, dass du dieses Fachchinesisch eh nicht verstehst, dann keine Sorge. Ich versteh dich nur zu gut. Deshalb habe ich meinen Kurs Labelgeflüster ins Leben gerufen. Dort lernst du, Etiketten richtig zu lesen, wie Futtermittel zusammengesetzt sind, was Begriffe wie “natürlich” wirklich bedeuten und noch so vieles mehr.
Schau gleich mal vorbei => Labelgeflüster
