„Dein Pferd sieht aber dünn aus!" – Dieser gut gemeinte Stallflur-Kommentar hat schon unzählige Pferdebesitzer in den nächsten Futterladen getrieben. Und kaum ist man angekommen, wartet er auch schon: der bunte Sack mit dem silbergrauen Pferdekopf drauf. „Senior" steht da in großen Buchstaben, garniert mit Versprechen wie „Vitalkomplex" und „altersgerecht". Zack, ab in den Kofferraum verfrachtet und Problem gelöst, oder? Nicht wirklich.
Denn die größte Lüge der Pferdefutter-Industrie lautet: Alte Pferde brauchen spezielles Futter. Die Wahrheit ist jedoch: Meistens nicht. Lass uns deshalb mal gemeinsam hinter die Kulissen der bunten Marketing-Versprechen schauen.

Der Blick in die Tüte: Was steckt wirklich drin?
Früher gab es “nur” Müsli und Pellets. Doch irgendwann in den 2000ern hat sich jemand in einer Marketingabteilung eine geniale Idee einfallen lassen: „Was, wenn wir für jede Lebensphase ein eigenes Futter entwickeln?" Seitdem explodiert der Markt und es erscheinen die verschiedensten Variationen: Von Fohlen-Müsli über Sport- und Zucht-Müsli bis hin zu Senior-Müsli.
Das Perfide daran: Es klingt verdammt logisch. Schließlich ändern sich die Bedürfnisse mit dem Alter. Ein 25-jähriges Pferd braucht nicht dasselbe wie ein 5-jähriges. Aber – und jetzt kommt's – die Lösung ist nicht automatisch ein Fertigprodukt aus dem Sack.
Die Futtermittelindustrie hat uns erfolgreich eingeredet, dass wir als normale Pferdebesitzer nicht in der Lage sind, unsere Pferde vernünftig zu ernähren. Dass wir diese „wissenschaftlich entwickelten Rezepturen" brauchen. Dass nur SIE wissen, was dein Pferd braucht. Bullshit. Pure Marketing-Strategie.
Denn wenn du dir die Zutatenlisten anschaust, findest du dort: Gerste (auch aufgeschlossen), Maisflocken, Weizenkleie, Melasse, und dann (irgendwo versteckt zwischen den ganzen Füllstoffen) ein paar Vitamine und Mineralien. Das ist keine Alchemie. Das ist Getreide mit Extras – verpackt als Wundermittel für 5 Euro pro Kilo.
Die Zucker-Stärke-Bombe im Wellness-Look
Die meisten Seniorenmüslis sind ernährungsphysiologisch eine Katastrophe für alte Pferde. Warum? Weil sie genau das enthalten, was ältere Pferde NICHT vertragen: nämlich Zucker und Stärke in rauen Mengen.
Denn Pferde sind evolutionär darauf programmiert, den ganzen Tag faserreiches Gras zu mümmeln. Eine langsame und kontinuierliche Energiezufuhr ist hier wichtig und keine Getreide-Orgien. Und je älter ein Pferd wird, desto schlechter kommt es mit schnell verfügbaren Kohlenhydraten klar.
Die Bauchspeicheldrüse wird träge, die Zellen reagieren nicht mehr so gut auf das Insulin und der Stoffwechsel läuft auf Sparflamme. Der Blutzucker schießt nach getreidereichem Futter hoch wie eine Rakete und bleibt oben. Das ist gefährlich.
Doch was machen wir? Wir füttern Müsli, in dem „thermisch aufgeschlossenes Getreide" die Hauptzutat ist. Das ist nichts anderes als vorverdautes Getreide, das im Dünndarm explodiert wie eine Zuckerbombe. Die Ironie dabei ist: Das Pferd wird dünn TROTZ des Seniorenmüslis, nicht wegen fehlenden Futters. Denn sein Körper kommt mit dem Zucker-Chaos nicht klar, weil chronische Entzündungen entstehen und der Darm leidet. Der Teufelskreis beginnt.
Was alte Pferde wirklich brauchen
Jetzt kommt die gute Nachricht: Die Ernährung alter Pferde ist eigentlich ziemlich simpel.
Als erstes brauchen wir Fasern, Fasern und noch mehr Fasern. Denn die Basis jeder Pferdefütterung, egal welchen Alters, ist ein struktur- und faserreiches Raufutter. Bei alten Pferden mit Zahnproblemen ändert sich lediglich die Konsistenz und die Menge, aber nicht das Prinzip. Eingeweichte Heucobs, Luzerne-Mischungen und ein qualitativ hochwertiges Heu sind die absolute Basis. Nicht Getreide.
Danach folgt Protein – aber das richtige. Alte Pferde bauen Muskeln ab. Das ist Fakt. Sie brauchen also Eiweiß, aber damit ist nicht irgendein Protein gemeint, sondern ein hochwertiges und fasergekoppeltes Protein. Wie Esparsette zum Beispiel: Darin sind bis zu 15% Rohprotein enthalten, aber eben eingebettet in Strukturfasern, die langsam verdaut werden. Alternativ gehen auch Luzerne oder Hanfsamen.
An dritter Stelle muss die Mineralisierung passen. Ein gutes Mineralfutter ist Gold wert. Aber es muss zum Raufutter passen. Heu aus kalkarmen Regionen braucht andere Ergänzungen als Heu aus kalkreichen Böden. Daher sollte man zuerst eine Heuanalyse durchführen, denn ohne die tappt man im Dunkeln. Danach kann man entsprechend ergänzen, z. B. mit meiner Mineralquelle. Ein Seniorenmüsli arbeitet dagegen nach dem Gießkannenprinzip: Viel von allem reinhauen, irgendwas wird schon passen. Spoiler: Meistens passt es nicht.
Und zum Schluss die individuellen Baustellen angehen. Hat dein Pferd Arthrose? Dann brauchst du entzündungshemmende Kräuter oder mein Gelenkflutsch bzw. meine Gelenkschmiere, keine bunten Pellets. Probleme mit dem Kreislauf? Dann sind Weißdorn und Co. sinnvoller als Melasse. Schlechte Verdauung? Dann schau dir den Darm an, nicht die Futtertüte.

Der Kostenfaktor, den niemand sieht
Ein durchschnittlicher 15-kg-Sack Seniorenmüsli kostet dich etwa 25-35 Euro. Das sind 1,70-2,30 Euro pro Kilo. Klingt erstmal okay, oder?
Wenn wir jetzt aber vergleichen: Hochwertige Heucobs gibt's schon ab ca. 1,20 Euro/kg, Esparsette kostet meist um die 1,50 Euro/kg, ein gutes Mineralfutter liegt bei vernünftiger Dosierung vielleicht bei 20 Euro im Monat.
Lange Rede kurzer Sinn: Du könntest deinem Pferd für dasselbe oder sogar weniger Geld eine individuell zusammengestellte und hochwertige Ration bieten. Aber das wollen dir die Hersteller nicht auf die Nase binden. Warum auch? An Einzelkomponenten verdienen sie nichts. An fancy verpackten Komplettlösungen schon. Der vermeintliche Komfort des Fertigfutters ist in Wahrheit oft eine teure Illusion.
Wenn Seniorenmüsli, dann wenigstens richtig
Okay, ich bin realistisch. Manche von euch werden trotz meinen Argumenten Seniorenmüsli füttern wollen. Vielleicht aus Bequemlichkeit oder weil der Stallbetreiber es so will. Wenn ihr das also tut, dann informiert euch bitte vorab gut, was wirklich drin ist. Und wir ihr die Etiketten richtig lest und versteht, erfahrt ihr hier.
Bei Seniormüsli ist vor allem folgendes zu beachten:
- Check die NSC-Werte. NSC steht für "Non-Structural Carbohydrates" – also Zucker und Stärke. Alles über 10% ist für stoffwechselkritische Pferde problematisch. Über 15% ist eine Katastrophe. Viele Seniorenmüslis liegen bei 20-30%.
- Keine Melasse. Melasse ist Zuckerrübensirup und hat in Pferdefutter nichts verloren. Sie macht das Futter klebrig, schmackhaft und verkaufbar – aber mehr auch nicht.
- Getreide minimal oder gar nicht. Wenn da "thermisch aufgeschlossener Mais" oder "geflockter Mais" als erste Zutat steht, leg den Sack zurück ins Regal.
- Transparente Deklaration. Wenn der Hersteller nicht genau auflistet, was drin ist, sondern mit "pflanzlichen Nebenerzeugnisse" und "Öle und Fette" um sich wirft – Finger weg.
- Faserreich muss es sein. Mindestens 15% Rohfaser. Besser sind 20%.
Aber mal ehrlich: Wenn du schon so genau hinschaust, kannst du dir das Zeug eigentlich auch gleich selbst zusammenmischen. Und das sogar für weniger Geld und mit mehr Kontrolle.
Fazit: Pferde brauchen Nährstoffe, keinen Marketing-Gag
Die Futtermittelindustrie verkauft keine Lösungen, sie verkauft Bequemlichkeit… und Angst. Die Angst, etwas falsch zu machen oder dass das Pferd etwas nicht bekommt, was es braucht. Aber weißt du, was dein Senior wirklich braucht? Deine Aufmerksamkeit, dein Mitdenken und die Bereitschaft, dich mit der Fütterung auseinanderzusetzen – jenseits von bunten Verpackungen und Marketing-Versprechen.
Es braucht hochwertiges Raufutter in Mengen, die zu ihm passen. Es braucht Proteine, die es verwerten kann. Es braucht Mineralien, die zum Grundfutter passen. Und es braucht jemanden, der hinschaut: Wie ist die Muskulatur? Wie das Fell? Die Energie? Das Gewicht?
Das kriegst du nicht aus dem Sack. Das kriegst du nur durch Beobachtung, durch Wissen und durch eine individuelle Anpassung. Ein Seniorenmüsli ist daher nicht die Lösung. Es ist eine bequeme Ausrede, sich nicht mit echter naturnaher Fütterung beschäftigen zu müssen. Aber mal Hand aufs Herz: Hat dein alter Kumpel nicht mehr verdient als eine Zucker-Stärke-Mischung im Rentner-Look?
